Auszug aus der Schulchronik von Roggen, Kreis Neidenburg / Ostpreußen
Angelegt vom Lehrer Herrmann Gottschewski im Juni 1877

Aus der Original-Schrift übertragen von Helmut Rutkowski und Reinhard Kayss

Das was über die Schule zu Roggen sich in den befindlichen Akten in Muschaken befindet, welche dem Schreiber dieses zur Disposition stehen, datiert sich erst vom 9.September 1814 her. Unter diesem Datum wurde die Lehrerstelle zu Roggen dem invalide gewordenen Unteroffizier Ludwig Tischler zur Verwaltung übertragen, welche Stelle er nach Ausweis der betreffenden Akten treu und gewissenhaft bis zum Jahre 1838 selbständig verwaltete. Mit Rücksicht auf seine langjährige Wirksamkeit (incl. seiner Kriegsjahre diente er dem Staate 53 Jahre) wurde ihm unterm 6. December 1838 von Sr. Majestät dem Könige das allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
Am 30. August 1838 wurde dem Sohne dieses alten Tischler, auch Ludwig Tischler, die Adjunktur an der Lehrerstelle zu Roggen übertragen, in welcher Stellung er seinem Vater gleichsam als eine von dem Alten erbetene Stütze dienen sollte, aber schon im Jahre 1843 an Brustentzündung starb und seinen damals 77 Jahre alten Vater hinterließ, welcher bis zur Wiederbesetzung der Schulstelle dieselbe verwaltete. Der verstorbene Ludwig Tischler jun. hatte sich im Jahre 1842 im Seminar zu Angerburg das Prüfungszeugnis Nr. 2 mit Beschränkung erworben und erhielt als Adjunkt die Hälfte von sämtlichen Einkommen der Lehrerstelle im Betrage von 31 rth. 7 gr. 6 Pfg., während sein alter Vater als Senior die andere Hälfte bezog.
Laut hoher Regierungsverfügung vom 10.Juli 1843 wurde die Adjunktur in Roggen dem Lehrer Carl Hennig, damals in Candien, übertragen und bezog derselbe 2/3 des Gehalts und 1/3 sein Senior Tischler.
Nach dem Tode des Senior Tischler hat am 19. October 1848 die Königliche Regierung die Lehrerstelle in Roggen dem Lehrer August Sensfuß aus Puchallowen verliehen, während der bisherige Adjunkt, Lehrer Hennig, nach Puchallowen versetzt wurde.
Sensfuß wirkte hier als Lehrer bis zum Jahre 1860. Unterm 6. August 1860 wurde die nunmehr erledigte Lehrer-stelle in Roggen dem bisherigen 2 ten Lehrer Herrmann Gottschewski übertragen.

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Sprachliche Verhältnisse
In Roggen ist die polnische (masurische) Sprache vorherrschend, doch wurde seitens der Schulbehörde, namentlich seit dem Jahre 1860 immer darauf Bedacht genommen, die Schulen in Masuren und Lithauen zu verdeutschen, was aber nur sehr langsam von statten ging. Erst vom Jahre 1872 ab wurden im Deutschen in den Schulen merkliche Fortschritte gemacht, indem durch die "Allgemeinen Bestimmungen" die Lehrer auf dem Lande auf der Ober- und Mittelstufe nur deutsch unterrichten durften, während auf der Unterstufe nur der Religions-Unterricht polnisch erteilt wurde.

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Neubau des zweiklassigen massiven Schulgebäudes in Roggen
Das im Jahre 1839 neuerbaute und später im Jahre 1859 renovierte Schulhaus wurde durch den fortwährenden Zuwachs von Schulkindern für zu klein erachtet und wurde dazu noch im Jahre 1878 für baufällig erklärt, weshalb man sich für einen Neubau eines neuen 2-klassigen Schulgebäudes entschließen mußte. Nach vieler Mühe und Arbeit wurde endlich der Kosten- und Bauanschlag fertig gemacht und konnte schließlich im Sommer 1879 der Bau mindestbietend vergeben werden.
Als Bauunternehmer erhielt den Zuschlag Herr Schmidt aus Eckersdorf bei Locken, Kreis Mohrungen und zwar 12 % unter dem Kostenanschlag. Beiläufig sei erwähnt, daß Schmidt ein sehr umsichtiger, gewissenhafter und fachkundiger Bauunternehmer ist, der sich durch viele Schul- und Kirchenbauten in der Umgegend viel Ehre eingelegt hat. So hat er beispielsweise die Kirche in Chorzellen, beide Kirchen in Opalenitz, die katholische Kirche in Willenberg, die Schulhäuser in Montwitz, Czenczel, Reuschwerder, Wientzkowen und noch viele andere Bauten ausgeführt.
Der Bau der Schule in Roggen begann am 16.Mai 1881 und wurde derselbe noch vor dem Winter unter Dach gestellt. Im Jahre 1882 wurde der innere Ausbau ausgeführt und am 28.November 1882 wurde die schön erbaute, massive 2-klassige Schule feierlich durch den Herrn Pfarrer Off als stellvertretenden Kreisschul-Inspector eingeweiht.

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Kirchenbrand
Am 9. März 1885 brannte des Abends die Kirche in Muschaken total nieder. Merkwürdiger-weise hatte man den Brand erst bemerkt, als die Kirche bereits inwendig voll in Flammen stand und man infolge dessen nichts daraus retten konnte.
Die Ursache der Entstehung des Feuers konnte trotz gründlicher Untersuchung der Sache nicht genau festgestellt werden. Es wird vermutet, daß einige Knaben, welche beim Abendläuten im Turm tätig waren, sich in der Sakristei verbotenerweise zu schaffen gemacht und in der Dämmerung durch Anzünden von Streichhölzchen in dort vorhandenen alten Akten das Feuer verstreut haben könnten. Beiläufig wird bemerkt, daß an dieser Kirche in der letzten Zeit bis zum Brande ( 1885 ) folgende Geistliche im Amte tätig waren:
Herr Pfarrer Grall bis zum Jahre 1866, derselbe wurde im letztgenannten Jahre wegen Irrsinn pensioniert und verlebte die letzte Zeit seines Lebens hier in Roggen, wo er 1867 an der Wassersucht starb und in Muschaken beerdigt wurde.
Sein Nachfolger war Herr Pfarrer Nikolaiski aus Lahna vom Jahre 1866 - 1882. Er starb am 19. August 1882 nach unsäglichen Schmerzen an der roten Ruhr, welche danach hier stark grassierte und viele Menschenleben dahinraffte.

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Einweihung der Kirche in Muschaken:
Ein selten schönes, nach dem eigensten Urteile des Herrn General-Superintendenten Pötz durchaus gelungenes Fest, von dem ein jeder Teilnehmer den Eindruck erhebender Befriedigung mitgenommen haben wird, feierte die Kirchengemeinde Muschaken am 15. November 1893 anläßlich der Einweihung ihres neuerbauten Gotteshauses. Die alte, 1750 erbaute Kirche, massiv mit hölzernem Turm, in welchem 3 Glocken sich befanden, brannte am 7. März 1885 um 9 Uhr abends ab.
Wer damals seine frevelhafte Hand an das alte, ehrwürdige Gotteshaus gelegt hat, ist nicht ermittelt worden. Schon zweimal vorher, durch Blitzschlag und Unvorsichtigkeit, stand die Kirche in Feuersgefahr. Beide Male wurde sie gerettet, wesentlich durch die Umsicht und das energische Eingreifen des alten Rectors Herrn Gehlhar. Das dritte Mal wurde sie ein Raub der Flammen. Nur die Grundmauern blieben stehen.
Seitdem begann für die große, räumlich sehr ausgedehnte Gemeinde eine schwere Zeit. An einen Neubau konnte nicht sofort gedacht werden, weil die Mittel fehlten. Die Gottesdienste mußten in den engen Räumen der Kirchspielsschule, der Pfarrwohnung, in den verschiedenen Schulen des Kirchspiels, ja in Bauernhäusern, gehalten werden, oft unter den schwierigsten Verhältnissen und in wenig würdiger Weise. Nachdem zu der an sich geringen Versicherungssumme noch erhebliche Beihilfen seitens der Provinzialsynode, des Ev. Oberkirchenrates und besonders Sr. Majestät bewilligt wurden, konnte der Bau im Juni 1892 begonnen werden. Die alten Grundmauern konnten zum Teil benutzt werden, nur der Turm, der früher als Dachreiter über dem Schiff sich erhoben, ist an- und von Grund aus neu gebaut worden.
Wo Ruinen und Trümmer, wo Schutt und Asche der Nährboden für allerlei Gestrüpp und Pflanzen gewesen ein tief trauriger Anblick! erhob sich bald ein schönes, würdiges Gotteshaus im gotischen Stile.
Schon früh am 15. November sammelte sich eine große Menschenmenge auf dem Kirchenplatze in festlicher Erwartung.
Um 9 Uhr trafen ein die Herren General-Superintendent Pötz, Konsistorial-Präsident Freiherr v. Dörnberg, Regierungs- und Baurat Wilh. Beßel-Lork, der selbst in hervorragender Weise an dem Bau, insbesondere was die innere künstlerische Ausschmückung anlangt, beteiligt ist, zugleich in Vertretung der hohen Patronatsbehörde, weil sowohl der Herr Oberpräsident wie der Herr Regierungs-Präsident behindert waren. Superintendent Tomuschat, Landrat Schultz, Kreisbauinspector Zorn, der mit dem örtlichen Bauleiter, Königl. Regierungs-Bauführer Redlich, den Kirchbau geleitet, Herr Kreisschul-Inspector Hoche, fast alle Geistlichen aus der Diözese, benachbarte Geistliche aus der Ortelsburger und Osteroder Diözese und andere Honoratioren aus dem Kreise und dem Kirchspiele.
Um 10 Uhr ordnete sich der Festzug vor dem Pfarrhause. Voran ein Kirchenältester mit dem Kirchenschlüssel auf einem seidenen Kissen. Unter Gesang des Liedes: "Allein Gott in der Höh' sei Ehr" ging es zur Kirche. Die neuen Altargeräte, meist Geschenke, wurden von den Kirchenältesten getragen. Vor dem Hauptportale spielte sich die Ceremonie der Schlüsselübergabe ab. Aus den Händen des Kreisbauinspectors Herrn Zorn ging derselbe unter den üblichen Segenswünschen in die des Herrn Regierungs-Baurats Beßel-Lork, des Herrn Konsistorial-Präsidenten, des Herrn General-Superintendenten, des Herrn Super-intendenten und schließlich in die des Herrn Ortsgeistlichen über, der das neue Gotteshaus im Namen des dreieinigen Gottes aufschloß.
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Es gibt natürlich einiges mehr aus Roggen zu erzählen! Die komplette Chronik erhalten Sie gegen Selbstkostenerstattung über Herrn Reinhard Kayss von der Kreisgemeinschaft Neidenburg.


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